Die Trommeln von Drumcree
Ein neues Buch über Nordirland
Nachfolgende Rezension über das Buch von Pit Wuhrer ist aus der taz (www.taz.de) vom 27. März 2001
entnommen.
Zwischen Gewalt und Idylle
Pit Wuhrer kennt Nordirland seit Jahrzehnten. Sein neues Buch über den
Konflikt ist klug und liest sich gut
"Man soll in Nordirland nie das Erwartbare erwarten", schreibt Pit
Wuhrer am Schluss seines Buches Die Trommeln von Drumcree. "Und wer
weiß, vielleicht wird ja auch alles gut." Aber so recht glaubt
Wuhrer selbst nicht daran, denn Nordirland sei "in dieser Zeit des
Friedens gespaltener denn je". Wuhrer entwirft vier Zukunftsszenarien
für die britische Krisenprovinz, die sich zwischen einem vereinten Irland
in zehn bis zwanzig Jahren und dem Absturz ins Bodenlose mit einer neuen
Gewaltspirale bewegen. Für wahrscheinlicher hält er allerdings, dass
vorläufig Ruhe in Nordirland einkehrt, bis die nächste Generation in
zehn Jahren zu den Waffen greift. Das vierte Szenario: die große
Integration über den Markt mit dem Niedergang der Nationalstaaten.
Pit Wuhrer, 50, ist Redakteur der Züricher Wochenzeitung (WoZ). Seit
Jahrzehnten reist er regelmäßig nach Nordirland und recherchiert auf
allen Seiten des Konflikts, der schon 3.600 Menschen das Leben gekostet hat.
Bisher war bei seinen Recherchen das Buch "Sie nennen es Trouble"
herausgekommen, das 1989 erschienen ist. So war es an der Zeit für einen
Folgeband. Wuhrer, der Nordirland besser kennt als die meisten
deutschsprachigen Journalisten, beginnt mit einem "notwendigen
Rückblick auf vierhundert Jahre", der deshalb notwendig ist, weil
"Wahrnehmungen unter Umständen bedeutsamer sind als Fakten und zur
politischen Kraft heranwachsen können". Mit diesem Rückblick als
Fundament untersucht Wuhrer die verschiedenen Facetten und politischen
Umstände, die seit 1969 den Konflikt bestimmen: "Handelte es sich um
einen Religionskrieg?", fragt Wuhrer. "Um einen antikolonialen
Befreiungskampf? Um einen Verfassungskonflikt? Um einen Bürgerkrieg? Oder
vielleicht doch um nackten Terrorismus?" Da der Charakter des Konflikts
umstritten sei, habe sich der Begriff Troubles eingebürgert - ein Wort,
das sich am ehesten mit "Ärger, Schwierigkeiten, Unruhe"
übersetzen lasse. "Wer Trouble mit der Bank hat, steckt
wahrscheinlich in Geldnöten; ein junges Mädchen in Trouble erwartet
ein Kind; und wenn die Leber Trouble macht, sollte man die Pubs besser meiden.
Angewandt auf eine der längsten militärischen Auseinandersetzungen in
der Geschichte, klingt der vage Begriff Troubles harmlos, und doch umschreibt
er ziemlich genau den merkwürdigen Zustand zwischen Krieg und
Normalität, zwischen Gewalt und Idylle, der den Konflikt
kennzeichnet."
Wuhrer ist Journalist, kein Historiker, und das ist ein Glück. Das Buch
ist überaus informativ und dabei alles andere als langweilig. Der Autor
versteht es, die Absurditäten des politischen Alltags auf den Punkt zu
bringen, wie in der Titelgeschichte über die protestantische Belagerung
einer katholischen Straße - Untertitel: "Protestantische
Passionsspiele in sechs Gängen". Mal basiert eine Reportage auf einem
Interview mit dem Loyalisten Gusty Spence, "dem Mann, der den Krieg
begann". Dann kommt der frühere IRA-Mann Tommy McKearney zu Wort, der
17 Jahre im Gefangenenlager Long Kesh saß, während seine drei
Brüder bei dem Konflikt starben.
Wo Wuhrers eigene Sympathien liegen, steht außer Frage: Er analysiert den
Nordirland-Konflikt von einem linken Standpunkt aus und thematisiert soziale
Fragen, die die gesamte nordirische Gesellschaft betreffen: "Von 1979 bis
1999 stieg die Zahl der Menschen, die über weniger als die Hälfte des
Durchschnittseinkommens verfügten, von neun auf 24 Prozent." Sinn
Féin, der politische Flügel der Irisch-Republikanischen Armee
(IRA), werde daran nichts ändern, glaubt Wuhrer, da die ehemaligen
Kämpfer sich längst an die "Fleischtöpfe" des
nordirischen Staatengebildes begeben haben: "Von daher ist klar, welche
Politik von Sinn Féin künftig zu erwarten ist: sicherlich keine,
die den unterprivilegierten und vom Krieg am meisten betroffenen ArbeiterInnen
dient." Wuhrer wundert sich über die Leichtigkeit der Wandlung, weil
es doch erstaunlich sei, "wie mühelos sie selbst höchste
Positionen eines Staates bekleiden, den sie bis vor kurzem noch mit der Bombe
in der Hand bekämpft haben - und das, obwohl sie keines ihrer Ziele
erreicht haben. Was genau den nahtlosen Übergang vom Guerillakampf zur
hohen Politik und Geheimdiplomatie bewirkt hat, ist bisher nicht untersucht
worden."
Wer sich für Nordirland interessiert, kommt an Wuhrers Buch, dem ein
nützliches Glossar und eine Zeittafel angefügt sind, nicht
vorbei.
RALF SOTSCHECK