Nachfolgende Rezension über das Buch "Hausnummer 5" von Glenn Patterson ist aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (www.faz.de) vom 14. Juni 2004 entnommen.

Falloons wohnen hier nicht mehr

Glenn Patterson schaut hinter die Reihenhausfassade Irlands

Es ist schon etwas ungewöhnlich, wenn ein Haus zum eigentlichen Helden eines Romans wird. Zumal wenn es sich um eines dieser so gesichts- wie endlosen Reihenhäuser handelt, die unverrückbar zum optischen Klischee einer englischen oder eben auch irischen Vorstadt gehören. Ganze Straßenzüge über reiht sich Haus an immer gleiches Haus; Stein gewordener Ausdruck einer in sich ruhenden, spießbürgerlieben Behaglichkeit. Was soll es da schon zu erzählen geben, wo die Ambitionen ebenso klein und genau abgezirkelt sind wie der Vorgarten, mag man sich fragen, doch der irische Autor Glenn Patterson zeigt in seinem erstaunlichen Roman "Hausnummer 5", daß sich hinter der Fassade der Gleichförmigkeit durchaus erzählens- und lesenswerte Geschichten verbergen.

Es sind die Geschichten der verschiedenen Menschen, die das Haus mit der Nummer 5 seit seinem Bau in den fünfziger Jahren bis in unsere Gegenwart bewohnt haben, und es ist die Geschichte Nordirlands und vor allem Belfasts, deren Konturen darin wie nebenbei erkennbar werden. Für das Verständnis dieser politisch-historischen Dimension sind allerdings Grundkenntnisse der jüngsten nordirischen Geschichte sehr von Vorteil, arbeitet Patterson doch fast ausschließlich mit Andeutungen und Implikationen, mit vielsagenden Gesten und bedeutungsvollem Schweigen. Dies entspricht sehr genau der Einstellung der Betroffenen, welche die zunehmend alltäglich werdenden Probleme mit Haß, Gewalt und Terror unter dem schwammigen Begriff "The Troubles" zusammenfassen.

Die Struktur des Romans ist so einfach wie überzeugend. Fünfmal läßt Patterson unterschiedliche Menschen in ihren eigenen Worten von ihrem Leben in diesem Haus berichten: zwei Frauen, zwei Männer und einen Jungen. Jedem der fünf Kapitel ist eine Zeitungsannonce vorangestellt, in der das Haus zum Verkauf angeboten wird, und bereits in diesen knappen, stets nur - leicht variierten Texten zeichnen sich die Veränderungen ab, die mit dem Haus und der Nachbarschaft geschehen.

Als das Haus in den fünfziger Jahren zum ersten Mal verkauft wird, ist noch von der "erholsamen, ländlichen Umgebung" die Rede, denn die Straße unmittelbar vor den Toren von Belfast wurde gerade erst komplett aus dem Boden gestampft. Noch beginnt direkt hinter den Häusern das Brachland, noch ist die Busanbindung an die Stadt nur ein Versprechen, als die Falloons einziehen, doch wie die meisten anderen Leute in der Nachbarschaft vertrauen sie auf dieses Versprechen von Wachstum und einem langsam, aber steig wachsenden Wohlstand. Tatsächlich wird die Stadt das Haus im Laufe der Jahrzehnte einholen und mit ihr auch die urbanen Probleme, doch bis dahin sind Harry und Stella längst wieder ausgezogen, nachdem Stellas Ausbruchsversuch aus der erdrückenden häuslichen und familiären Enge fatale Konsequenzen gezeitigt hat.

Als Hausbewohner folgen die McGoverns, die das Haus "in einer schnell wachsenden Vorstadt" beziehen und deren Leben in Nummer 5 anhand einer Reihe von Silvesterabenden der späten sechziger und frühen siebziger Jahre beschrieben wird, die unweigerlich bei dem aus Ungarn eingewanderten Nachbarn Andy Hideg verbracht werden. Ebenso unweigerlich steigert sich die Vehemenz der Diskussionen von Jahr zu Jahr, und der Jahresrückblick offenbart immer stärker eine Chronologie von Feindseligkeit und Gewalt. Es wird ungemütlich im Land, was vor allem die nächsten Bewohner, die chinesische Familie Tau, überdeutlich zu spüren bekommt. Zu_ erst ist es nur die allgemeine Fremdenfeindlichkeit, doch in der allgemeinen Atmosphäre von Angst und Verdächtigungen gerät ein Kinderstreich ebenso außer Kontrolle wie die Situation im Land. Als die Familie Eliot schließlich die Tans ablöst, muß sie mit dem Einzugswagen warten, bis der Leichenwagen verschwunden ist, der Andy Hideg aus der Straße bringt. Daß er Kloschüsseln an Polizeiwachen verkaufte, war sein Todesurteil.

Dieser Mord ist das deutlichste Zeichen des Bürgerkrieges, der Nordirland und Belfast zu zerreißen droht. Ansonsten vermeidet es Patterson geschickt, es sich allzu leicht zu machen und seine Geschichten durch politische Effekthascherei aufzubauschen. Was er statt dessen zeigt, ist das alltägliche Leben in einer Zeit, in der gerade der Alltag eine Bedrohung darstellt. Die Geschichte von Catriona Eliot, deren Familie einer nach dem anderen durch ein spontanes Erweckungserlebnis zum christlichen Glauben findet, birgt zwar durchaus Potential, doch angesichts absurder konfessionell gezogener Frontlinien bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken.

Erst mit den letzten Bewohnern, einer unkonventionellen Mischung aus Wohn-, Arbeits- und Liebesgemeinschaft, sind die Probleme wieder hausgemacht, geht es wieder um das Infragestellen von Lebensvorstellungen. Damit schließt sich der Kreis des Romans, was Patterson durch das Erscheinen von Patty, der Tochter der Falloons, sogar etwas überdeutlich macht. Ansonsten hat er seinen Roman auf so kunstvolle Weise konstruiert, daß die eigentlich disparaten Elemente der fünf Geschichten ein überaus stimmiges Ganzes ergeben. Scheinbar mühelos wechselt er Perspektiven, Stimmen und Erzählweisen, ohne daß diese Darbietung seines schriftstellerischen Könnens je forciert erschiene. So wirkt "Hausnummer 5" erfrischend wie eine Geschichte, die sich selbst geschrieben hat.
SEBASTIAN DOMSCH

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