Das Projekt "Peacelines.de" habe ich aus der Taufe gehoben, um das Hobby der Fotografie mit dem Interesse am Nordirlandkonflikt zu verbinden. In mehreren Reisen in die Unruheprovinz, auch "Großbritanniens Kosovo" genannt, habe ich hierzu seit Mai 2002 umfangreiches Bildmaterial gesammelt und hier zur Ansicht online gestellt.
"Peacelines" - das ist der euphemistische Begriff für die meterhohen Trennmauern, die in den Konfliktgebieten Nordirlands die loyalistisch-protestantischen Bevölkerungsteile von den katholisch-republikanischen abgrenzen sollen. Die erste dieser Mauern wurde kurz nach Ausbruch der Unruhen im September 1969 von den Royal Engineers, der Pioniereinheit der britischen Armee, zwischen der katholischen Falls und dem protestantischen Shankill in Belfast errichtet. Diese Mauer steht dort bis heute und wurde um zahlreiche weitere ergänzt. Ein Fahrer jener "Black Cabs", die Touristenführungen durch die Konfliktgebiete anbieten, meinte zu mir, es wäre sehr unwahrscheinlich, daß wir mittelfristig das Verschwinden dieser Mauern erleben würden, zu groß sei auf beiden Seiten das Mißtrauen. Er schloß mit dem für mich unvergesslichen Satz: "Natürlich wollen alle Menschen Frieden. Aber jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was Frieden eigentlich ist."
Dennoch muß ich an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben: Belfast ist nicht Pristina, wo die Situation zwischen Serben und Albanern sicherlich fragiler, spannungsgeladener und explosiver ist. Die heißen Zeiten der "Troubles" gehören - hoffentlich für immer - der Vergangenheit an und sind mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 abgelöst von einem Zustand des "unperfekten Friedens" (Tony Blair), was immerhin mehr ist als ein kalter Krieg. Auch wenn gelegentlich Ausbrüche sektiererischer Gewalt Erwähnung in den hiesigen Medien finden, ist Belfast keineswegs ein unsicherer Ort als andere westeuropäische Metropolen mit ihren ungelösten Minderheitenproblemen.
Ein weiteres augenscheinliches Merkmal für den Nordirlandkonflikt sind die Murals genannten großflächigen Wandmalereien, die man vor allem in Belfast findet. Erstmals hat mich Ende 2001 eine Dokumentation des Senders Arte darauf aufmerksam gemacht ("Wenn diese Wände reden könnten"). Vor allem hierauf habe ich mein Interesse gerichtet. Diese Wandmalereien dienen der Markierung des eigenen Territoriums, der Verherrlichung der eigenen Geschichte und der Förderung der Eigenidentifikation. In ihrem künstlerischen Inhalt sind sie sehr umstritten. Viele nennen sie Kunst, während andere in ihnen lediglich Propaganda sehen.
In den drei Jahren seit Onlinestellung dieses Projektes habe ich mehrere hundert Fotos hier ausgestellt und das Angebot erweitert um eine Seite mit Reiseberichten und Reportagen aus verschiedenen Pressemedien sowie eine Seite mit Literaturempfehlungen, die mit Amazon.de verlinkt ist.
In diesen drei Jahren registrierte der Zähler inzwischen mehr als 10.000 Zugriffe auf diese Seiten. Nicht wenige von ihnen weist die Statistik als Besucher aus Nordirland aus. Zahlreiche Schüler- und Studentenanfragen zu der Thematik habe ich beantwortet. Drei meiner Bilder fanden sogar Eingang in ein Englisch-Schulbuch. Die hiesige Lokalzeitung befand meine Seiten für "sehr lesens- und sehr sehenswert". Eine derartige Resonanz hatte ich zu Beginn nicht erwartet. Das Nischenthema Nordirland-Konflikt ist präsenter als ich gedacht hatte.
Ich habe mich in der Darstellung der Thematik immer um Ausgewogenheit bemüht und hoffe, daß mir das auch gelungen ist. Viele am Nordirland-Konflikt Interessierte reisen nach Ulster, um vor Ort zu sehen, wer wen unterdrückt und manche scheuen sich davor, die unangenehme Hypothese zu akzeptieren, daß die gegenseitige Abneigung von beiden Seiten genährt wird. Der nordirische Historiker Thomas Hennessey fasst diesen Gedanken im Vorwort zu seinem Werk "A History of Northern Ireland" so zusammen:
"Kein Teilnehmer an der nordirischen Situation ist ausschließlich verantwortlich für den Kollaps Nordirlands in den gemeinschaftlichen Streit. Alle haben ihren eigenen Beitrag geleistet, oftmals unbewusst in der Art in der sie seitdem mit ihrer Erwartungshaltung zur Instabilität der Provinz beigetragen haben: aufeinanderfolgende britische Regierungen in ihrem Versäumnissen und ihrer Untätigkeit in den Jahren der Stormont-Herrschaft; aufeinanderfolgende irische Regierungen und Generationen von Nationalisten in ihrer Leugnung der britischen Identität der Unionisten und ihrer Konzentrierung auf britische Regierungen als die Vertreter einer zeitlich begrenzten Teilung; und Unionisten in ihrer fortwährenden Wahrnehmung der katholischen Minderheit als ein Feind mittendrin', dessen irische Identität innerhalb des protestantischen und britischen Teils des Landes unterschätzt wurde."
Das Projekt "Peacelines.de" wird in den nächsten Jahren sicherlich seine Fortsetzung finden. Geplant sind Aufnahmen der Parademärsche des protestantischen Oranierordens am 12. Juli oder auch der Ostermärsche der nationalistischen Gruppen.
Daniel Körtel
Kontakt: Peacelines@gmx.net