Ostergedenken in Ardoyne 2006

Die katholische Enklave Ardoyne zählt zu den "Hot Spots" in Belfast. Auf der Suche nach neuen Wandmalereien bin ich hier zufällig in eine republikanische Osterparade geraten. Die Einzelheiten dazu sind in meiner Reportage beschrieben (abrufbar unter "Berichte"). So eindrucksvoll dieses Erlebnis für mich auch war, so stellt sich für mich grundsätzlich die kritische Frage, ob diese Art des stark selbstbezogenen, selektiven Gedenkens - das von beiden Seiten praktiziert wird- eine nicht unerhebliche Barrikade ist für die Bildung einer gemeinsamen Identität.

Zu diesem Ereignis ritualisierten Gedenkens in Ardoyne gehen mir diese Worte der amerikanischen Publizistin Susan Sontag nicht aus dem Sinn:

Vielleicht mißt man dem Erinnern heute zuviel Wert bei - und dem Denken nicht genug. Erinnern ist ein ethisches Handeln, es hat schon an sich einen ethischen Wert. Die Erinnerung ist, so schmerzlich dies sein mag, das einzige, was uns mit den Toten verbinden kann. eshalb ist der Glaube an den Wert des Erinnerns tief in uns verankert. Wir wissen, daß wir sterben werden, und betrauern jene, die, wenn die Dinge ihren gewöhnlichen Gang gehen, vor uns sterben werden - Großeltern, Eltern, Lehrer, ältere Freunde. Herzlosigkeit und Vergeßlichkeit gehören, so scheint es, zusammen. Wo es jedoch um das Erinnern über die sehr viel längeren Zeitspannen kollektiver Geschichte geht, werden die von der Geschichte ausgehenden Signale widersprüchlich. Es gibt einfach zuviel Ungerechtigkeit auf der Welt. Und zuviel Erinnerung (an alte Kümmernisse: die Serben, die Iren) verbittert. Frieden schließen heißt vergessen. Versöhnung macht es erforderlich, die Erinnerung einzuschränken und zu verformen.

Wenn es also darum geht, einen Raum zu schaffen, in dem jeder sein eigenes Leben leben kann, ist es wünschenswert, daß sich die auflistende Erinnerung an ganz bestimmte Ungerechtigeiten in einem allgemeineren Bewußtsein davon auflöst, daß Menschen einander überall auf der Welt schreckliche Dinge antun.

Quelle: Susan Sontag - Das Leiden anderer betrachten

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